Manche christlichen Aussagen hören wir so oft, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Sie begegnen uns in Predigten, Liedern, Gesprächen und Beiträgen in sozialen Medien. Einige bringen einen biblischen Gedanken treffend auf den Punkt. Andere sind nur teilweise richtig oder vermitteln einen Eindruck, der so nicht mit der Bibel übereinstimmt.
Manche dieser Sätze habe ich selbst schon oft gehört, ohne genauer zu prüfen, was die Bibel tatsächlich dazu sagt. Gerade weil solche Aussagen so einprägsam sind, lohnt es sich, genauer hinzusehen:
Was ist daran richtig? Wo braucht es eine Ergänzung? Und was sagt der biblische Zusammenhang?
1. „Gott liebt alle Menschen.“
Bewertung: Im Grundsatz richtig, aber erklärungsbedürftig.
Dieser Satz gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Aussagen im Christentum. Ich habe ihn so oft und so selbstverständlich gehört, dass ich eine Zeit lang beinahe zurückhaltend wurde, überhaupt von der Liebe Gottes zu sprechen. Zu sehr hatte ich den Eindruck, dass dieser Satz häufig verkürzt oder missverständlich gebraucht wird. Dabei spricht die Bibel sehr wohl von Gottes Liebe – allerdings differenzierter, als diese kurze Formulierung vermuten lässt.
Gott zeigt allen Menschen Güte. Er schenkt Leben, erhält seine Schöpfung und ruft Menschen zur Umkehr.
„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“
Johannes 3,16 – Schlachter 2000
Jesus sagt über seinen Vater:
„… denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“
Matthäus 5,45 – Schlachter 2000
Diese allgemeine Güte Gottes bedeutet jedoch nicht, dass Gott zu jedem Menschen dieselbe Beziehung hat. Die Bibel verschweigt nicht, dass Gott heilig ist und dem Bösen mit Zorn begegnet.
„Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“
Johannes 3,36 – Schlachter 2000
Paulus beschreibt Menschen vor ihrer Versöhnung mit Gott sogar als Feinde:
„Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren …“
Römer 5,10 – Schlachter 2000
Der Satz „Gott liebt alle Menschen“ darf daher nicht so verstanden werden, als würde jeder Mensch in gleicher Weise an Gottes Liebe teilhaben. Gott begegnet allen Menschen mit Güte und ruft sie zur Umkehr. Die versöhnte Gemeinschaft mit ihm und die Erfahrung seiner rettenden Liebe entstehen jedoch durch den Glauben an Jesus Christus.
2. „In der Bibel steht 365-mal: ‚Fürchte dich nicht.‘“
Bewertung: Diese Behauptung lässt sich nicht belegen.
Das Bild klingt schön: Für jeden Tag des Jahres gibt es in der Bibel ein eigenes „Fürchte dich nicht“.
Bei genauerem Hinsehen lässt sich die Zahl 365 jedoch nicht halten. Schon die Zählweise ist unklar. Soll nur die genaue Formulierung „Fürchte dich nicht“ berücksichtigt werden? Zählen auch Aussagen wie „Fürchtet euch nicht“, „Erschrick nicht“, „Sei mutig“ oder ähnliche Ermutigungen?
Hinzu kommt, dass sich die Formulierungen je nach Bibelübersetzung unterscheiden. Die Zahl 365 ist deshalb kein verlässlicher biblischer Befund.
Die Botschaft hinter der Behauptung ist trotzdem richtig: Gott ermutigt sein Volk immer wieder, ihm zu vertrauen.
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; sei nicht ängstlich, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ja, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Jesaja 41,10 – Schlachter 2000
Die Aufforderung, Gott zu vertrauen, zieht sich auch ohne die angeblichen 365 Stellen durch die ganze Bibel.
3. „Gott mutet dir nie mehr zu, als du tragen kannst.“
Bewertung: So lehrt es die Bibel nicht.
Dieser Satz soll Menschen in schwierigen Zeiten Mut machen. Für jemanden, der unter einer kaum erträglichen Belastung leidet, kann er jedoch sogar bedrückend wirken: Wenn Gott mir nie mehr zumutet, als ich tragen kann – warum kann ich dann nicht mehr?
Als Beleg wird häufig 1. Korinther 10,13 angeführt. Dort geht es aber nicht allgemein um Leid, Krankheit oder schwere Lebenssituationen. Paulus spricht von Versuchungen zur Sünde.
„Es hat euch bisher nur menschliche Versuchung betroffen; Gott aber ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern wird zugleich mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, sodass ihr sie ertragen könnt.“
- Korinther 10,13 – Schlachter 2000
An anderer Stelle beschreibt Paulus eine Belastung, die ausdrücklich über seine eigene Kraft hinausging:
„Denn wir wollen euch, Brüder, nicht in Unkenntnis lassen über unsere Bedrängnis, die uns in der Provinz Asia widerfahren ist, dass wir übermäßig schwer zu tragen hatten, über Vermögen, sodass wir selbst am Leben verzweifelten.“
- Korinther 1,8 – Schlachter 2000
Paulus erklärt auch, was Gott dadurch in ihm bewirkte:
„… damit wir nicht auf uns selbst vertrauten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.“
- Korinther 1,9 – Schlachter 2000
Die Bibel verspricht nicht, dass unsere eigene Kraft immer ausreichen wird. Sie zeigt vielmehr, dass wir an einen Punkt kommen können, an dem wir nicht mehr auf uns selbst vertrauen können. Gerade dort lernen wir, unsere Hoffnung ganz auf Gott zu setzen.
4. „Folge deinem Herzen.“
Bewertung: Dieser Gedanke entspricht nicht dem biblischen Menschenbild.
In unserer Kultur gilt das eigene Herz oft als der verlässlichste Ratgeber. Wer seinem Herzen folgt, so die Vorstellung, wird den richtigen Weg finden.
Die Bibel beurteilt das menschliche Herz ganz anders:
„Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“
Jeremia 17,9 – Schlachter 2000
Auch Jesus beschreibt das Herz eben nicht als eine unfehlbare Quelle des Guten:
„Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen.“
Matthäus 15,19 – Schlachter 2000
Das bedeutet nicht, dass Gefühle bedeutungslos wären. Gefühle können uns auf etwas aufmerksam machen. Sie können aber auch von Angst, Stolz, Begierde, Enttäuschung oder falschen Vorstellungen geprägt sein.
Die Bibel fordert uns deshalb nicht dazu auf, unserem Herzen blind zu folgen. Unser Herz muss geprüft, erneuert und an Gottes Wort ausgerichtet werden.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Was fühlt sich für mich richtig an?“, sondern: „Stimmt mein Wunsch mit dem überein, was Gott offenbart hat?“
5. „Gott hasst die Sünde, aber liebt den Sünder.“
Bewertung: Der Satz enthält einen richtigen Gedanken, greift aber zu kurz.
Mit dieser Aussage soll meist betont werden, dass Gott Sünder nicht einfach aufgibt, sondern ihnen in Liebe begegnet und sie retten möchte. Das ist biblisch.
„Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
Römer 5,8 – Schlachter 2000
Problematisch wird der Satz dort, wo er eine saubere Trennung zwischen dem Menschen und seiner Sünde vermittelt. Die Bibel stellt Sünde nicht als etwas dar, das völlig losgelöst vom Sünder existiert. Menschen denken, wollen und tun das Böse – und werden dafür von Gott zur Verantwortung gezogen. Gott verdammt auch nicht die Sünde in die Hölle, sondern den Sünder.
Darum spricht die Bibel nicht nur von Gottes Zorn über sündige Taten, sondern auch über den Menschen, der im Unglauben bleibt.
„Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“
Johannes 3,36 – Schlachter 2000
In Psalm 5 heißt es sogar:
„Du hasst alle Übeltäter.“
Psalm 5,6 – Schlachter 2000
Beides gehört zur biblischen Botschaft: Gott ruft in seiner Liebe Sünder zur Umkehr. Gleichzeitig ist er heilig und richtet den Menschen, der an seiner Sünde festhält.
6. „Jeder Mensch ist ein Kind Gottes.“
Bewertung: Nach dem Sprachgebrauch des Neuen Testaments ist das nicht richtig.
Jeder Mensch wurde von Gott geschaffen. Jeder Mensch trägt als Ebenbild Gottes eine besondere Würde und soll deshalb mit Achtung behandelt werden.
Den Ausdruck „Kind Gottes“ verwendet das Neue Testament jedoch nicht unterschiedslos für alle Menschen. Er bezeichnet diejenigen, die Christus aufnehmen und an ihn glauben.
„Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“
Johannes 1,12 – Schlachter 2000
Paulus schreibt:
„Denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.“
Galater 3,26 – Schlachter 2000
Besonders die Formulierung „Kinder Gottes zu werden“ ist wichtig. Sie zeigt, dass die Gotteskindschaft nicht automatisch jedem Menschen zukommt.
7. „Urteilt nicht!“
Bewertung: Dieser Satz wird häufig aus seinem Zusammenhang gelöst.
Jesus sagt in der Bergpredigt:
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“
Matthäus 7,1 – Schlachter 2000
Dieser Vers wird oft so verstanden, als dürften Christen niemals eine Überzeugung, eine Lehre oder ein Verhalten beurteilen oder bewerten. Wer etwas als falsch bezeichnet, bekommt schnell zu hören: „Du darfst nicht richten.“
Der weitere Zusammenhang zeigt jedoch, dass Jesus vor allem heuchlerisches und selbstgerechtes Richten kritisiert. Er spricht von einem Menschen, der den Splitter im Auge seines Bruders sieht, den Balken im eigenen Auge aber übersieht.
Jesus fährt fort:
„Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.“
Matthäus 7,5 – Schlachter 2000
Der Splitter soll also durchaus entfernt werden. Zuerst muss der Urteilende jedoch sich selbst prüfen.
An anderer Stelle fordert Jesus ausdrücklich zu einem gerechten Urteil auf:
„Richtet nicht nach dem Augenschein, sondern fällt ein gerechtes Urteil!“
Johannes 7,24 – Schlachter 2000
Verboten ist nicht jede Form des Beurteilens. Jesus wendet sich gegen ein stolzes, oberflächliches und heuchlerisches Richten.
Christen müssen Wahrheit und Irrtum unterscheiden. Sie sollen nach Gottes Maßstab urteilen und bereit sein, zuerst das eigene Leben prüfen zu lassen.
8. „Geld ist die Wurzel allen Übels.“
Bewertung: Das ist ein falsches Bibelzitat.
Paulus schreibt nicht, dass Geld an sich die Wurzel allen Übels sei. Seine Aussage lautet:
„Denn die Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen; etliche, die sich ihr hingegeben haben, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich selbst viel Schmerzen verursacht.“
- Timotheus 6,10 – Schlachter 2000
Verurteilt wird nicht der Besitz von Geld, sondern die Liebe zum Geld.
Geld ist zunächst ein Mittel. Es kann verantwortungsvoll eingesetzt werden, um die eigene Familie zu versorgen, Menschen in Not zu unterstützen und gute Werke zu fördern. Es kann aber auch zum Gegenstand von Habgier, Stolz und falscher Sicherheit werden.
Auch Wohlstand wird in der Bibel nicht grundsätzlich als Sünde dargestellt. Mehrere gottesfürchtige Menschen waren wohlhabend. Problematisch wird Geld dort, wo es den Platz Gottes einnimmt, unser Vertrauen auf ihn verdrängt oder zum eigentlichen Lebensinhalt wird.
Fazit
Kurze und einprägsame Aussagen können hilfreich sein. Sie können komplizierte Gedanken verständlich zusammenfassen und sich leicht einprägen. Gerade darin liegt aber auch ihre Gefahr: Eine Verkürzung kann einen wichtigen Teil der biblischen Wahrheit ausblenden.
Deshalb sollten wir bekannte christliche Sätze nicht einfach übernehmen, nur weil sie vertraut oder tröstlich klingen. Entscheidend ist, ob sie das wiedergeben, was die Bibel tatsächlich lehrt.
Wie die Christen in Beröa dürfen auch wir prüfen, „ob es sich so verhalte“:
Apostelgeschichte 17,11 – Schlachter 2000
„Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte.“
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